Blog + Kommunikation

Blog

In letzter Zeit habe ich nicht mehr so viel Lust diesen Blog zu schreiben, ich will den Blog nicht aufgeben aber kann auch nicht mehr so regelmäßig Inhalte verfassen. Das liegt sicherlich auch an meinem Studium, ich muss ständig irgendwelche Textzusammenfassungen schreiben oder diese Texte kommentieren oder Hausarbeiten schreiben. Beides ist mit sehr viel Schreibaufwand verbunden. Hatte ich vor einem Jahr noch sehr viel rechnen müssen, diente das Schreiben als kreativer Ausgleich für zwischendurch. Da ich jetzt aber die ganze Zeit irgendwelche Texte bearbeite und inhaltlich wiedergebe, hängt es mir zum Hals heraus. Meine ersten WW-Wochen waren sehr erfolgreich. Ich habe häufig selbst und nach Rezept gekocht, eigene Brote gebacken und Nudeln hergestellt. Ich habe mir zu meiner neuen Küche eine Kitchenaid gegönnt und eine Nudelteigwalze mit der man ohne großen Aufwand sehr dünne Teiglinge ausrollen kann. Das ist irgendwie faszinierend aus Mehl und Wasser oder Mehl und Ei Teige herzustellen, wie sich das Flüssige und Feste miteinander verbindet und hinterher ein Brot herauskommt oder eben der Nudelteig. Ziemlich cool, dass die Maschine knetet und man in der Zeit etwas ganz anderes machen kann und hinterher hat sich der komplette Teig um den Knethaken gewickelt und die Schüssel ist danach völlig sauber.

Kommunikation

In meinem neuen Job als Lehrer in einer Berufsfachschule habe ich viele interessante Einblicke im Bereich der Kommunikation gewonnen. Ich finde Lehre und Wissensvermittlung eine wirklich sinnfüllende Tätigkeit für mich und habe den Job niemals unterschätzt, ich bin wirklich immer sehr gerne in die Schule gegangen. Nun die Schule aus einer völlig anderen Perspektive, nämlich die als Lehrer zu sehen ist hoch spannend. Das Hauptgeschäft als Lehrer ist im Übrigen die Kommunikation. Im Klassenunterricht ist Kommunikation das Werkzeug schlechthin aber auch nachdem Unterricht gibt es ständig irgendwelche Schüler, die 5 Minuten persönliches Gespräch mit dem Lehrer einfordern bzw. darum bitten und die Lehrerkonferenzen, da wird auch hauptsächlich geredet. Kommunikation ist allerdings weit mehr als das Reden, das Zuhören ist viel wichtiger als das Reden selbst und ein bisschen gehört auch das Gespür dazu. Die Erwartungen an einem Lehrer bezüglich der Kommunikation sind sehr hoch angesetzt. Es gibt diesen Spruch: „Man kann nicht nicht kommunizieren!“ In der ersten Woche kannten sich die Schüler untereinander noch nicht und es war schön ruhig, allerdings änderte sich diese Situation schon in der zweiten Woche. Die Schüler verloren Hemmungen, wurden offener sowohl mit allen positiven als auch negativen Konsequenzen. Zum Glück habe ich sehr nette Kollegen, die mir in der Pause kurz Tipps geben, welche Personen nicht zusammensitzen dürfen, wenn der Klassenraum eine ruhige Arbeitsatmosphäre braucht. Es ist sehr beeindruckend wie intuitiv die älteren Kollegen Störungsherde lokalisieren können und dort „Keile rein schlagen“ Aber gleichzeitig auch die Leistungsfähigkeit der Klasse einschätzen anhand der Lautstärke und diesen Bogen nicht überspannen. So gut beherrsche ich dieses Handwerk noch nicht, aber ich mache Fortschritte. Im Moment kann ich die Schüler zum konzentrierten Arbeiten animieren, wenn ich im Gegenzug auch Sprech-, Rede- oder Malpausen einlege. 90 Minuten Konzentration fällt selbst mir schwer, wieso sollte man so etwas dann durchgehend von Schülern erwarten. Aber durch eine gute Planung kann man den Unterricht schon sinnvoll gestalten.

Sehr interessant sind immer die 10-minütigen Pausen, die ich inmitten der 90 Minuten mache. In diesen 10 Minuten bekommt man vieles an Feedback für den Unterricht mit aber auch was einzelne Schüler gerade bewegt. Letztens hörte ich ein Gespräch mit zum Thema „Frauen checken“. Irgendwie komisch, wenn sich Menschen unterhalten, dessen unreine Haut und junges Gesicht zeigen, dass sie zwar die Geschlechtsreife schon erreicht haben aber längst noch nicht erwachsen sind und so Sprüche kommen: „Man muss zu Frauen scheiße sein, weil die Frauen stehen auf Arschlöcher…“ und dann erzählen sie was sie im Einzelnen machen um die Frauen dann abzuschleppen / zu checken. „Herr Martin, wie checken sie denn Frauen, können Sie uns das erklären?“ War eine ernsthafte Frage als sie mich beim Augenverdrehen sahen.

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Der Wiedereinstieg und D14

Hallo Leute,

Documenta 14

Ich melde mich mal wieder zurück mit einem Report der letzten Wochen. Bevor ich in das Thema des Blogs einsteige: Das Bild stammt von einem Ausflug auf die Documenta 14 in Kassel. Im Moment noch ist eine der weltweit wichtigsten Ausstellungen der zeitgenössischen Kunst hier in Kassel sowohl in den Galerien und Museen als auch in Form monomentaler Außenkunstwerke besuchbar. Die Ausstellung läuft bis zum 17. September 2017. Hinter mir seht ihr das Parthenon of Books. Ich habe die Documenta inzwischen viermal besucht und habe dabei jeweils eine irrwitzige Anzahl an Schritten gemeistert.

Sport

Das Tanzen habe ich durchgehend weiterverfolgt. Tanzpartnerinnen sind wie Trainingspartner. Sie ziehen einen mit, auch wenn man mal für einen Moment etwas schwächer ist und keinen Willen zum Durchhalten hat. Beim Radfahren habe ich mein Pensum nicht aufrecht gehalten. Im Juli fuhr ich gerade mal 64 km mit dem Rad. In diesem Monat saß ich wieder auf und habe 210 km geschafft. Der Monat ist noch nicht zu ende, wesentlich mehr werden es wohl nicht mehr.

Situationen

In letzter Zeit habe ich mit hohen, emotionalen Belastungen gerungen und darunter hat meine Diät und auch der Blog sehr gelitten. Ich weiß noch nicht genau, ob diese Phase nun vorbei ist und ein neuer Abschnitt beginnen kann. Die Arbeit an der Uni habe ich gekündigt. Mein Chef der an der Uni Doktorrand ist, hat seine Dissertation zu einem totalen Organisationselend verkommen lassen und seine Organisationsschwächen zogen mich zu sehr ins Mitleid. Man soll immer wachsam auf sich selbst sein und wenn das Niveau so tief gesunken ist, dass offen erwartet wird wie das schlechte Vorbild zu Tag und zu Nacht auch an der Uni irgendwelche sinnfreien Arbeiten zu erledigen und der Ton verletzend und manipulativ wird, dann ist es wirklich an der Zeit das Weite zu suchen. Hinzu kam ja zeitgleich noch der unerwartete Tod meiner besten Freundin. Das emotionale Chaos war fast perfekt, an der Abnahme und an Ernährung gar nicht mehr zu denken. Selbstreflexiv muss ich an dieser Stelle anmerken, dass ich erkannte wie selbstgefällig meine letzten Blogeinträge waren. Froh zu sein, dass man nicht zu sehr über die 150 kg hinaus gegangen ist… Der Schock kam letzte Woche, als ich dann satte 156 kg auf der Waage maß. Jetzt hat sich wieder sowas wie ein Leidensdruck aufgebaut, ein Schritt sich wieder bei Weightwatchers anzumelden wurde gegangen. Im Moment ist alles im Umbruch, aber das Studium läuft gut. Ich bin nach wie vor sehr zufrieden mit der Entscheidung nun die Berufspädagogik zu studieren. Ich habe inzwischen einen anderen Lehrauftrag bekommen, ich nenne mich jetzt Lehrer.

lYg.g

Motivation zum Wiedereinstieg

Das Bloggen letzte Woche hat mir seelisch sehr gut getan. Ich musste meine Traurigkeit irgendwie verarbeiten und für mich selbst einen Abschluss formulieren. Das Ordnen meiner Gedanken und Aufschreiben empfand ich als sehr befreiendes Erlebnis. Das ist Motivation genug diesen Blog wieder aufleben zu lassen und mich einem Thema anzunehmen, welches ich vor zweieinhalb Jahren schon einmal begann und jetzt wieder aufgreifen möchte.

Reflexion des Ausstiegs

Ich habe mich in den letzten Wochen damit beschäftigt, wieso mir das Diäten im letzten Jahr so schwergefallen ist und wie es dazu kam, dass mir in diesem Jahr keine ernsthaften Abnahme-Ergebnisse gelangen. Die Stammtischlösung hieße wohl einfach: „Er hat zu viel gegessen, er muss wieder weniger essen!“ Allerdings verdient man mit dieser Aussage nichts und der Weg weiter abzunehmen ist somit auch nicht zu beschreiten. Ich habe nach einer richtigen Ursache gesucht und die Lösung in meinen Blogzeichnungen gefunden. In meinem ersten Jahr ging das Gewicht wirklich rasant runter, in der ersten Hälfte des zweiten Jahres schon nicht mehr, da nahmen die Schwankungen zu, daraus entwickelte sich ein Stoppen und schließlich auch eine Zunahme in diesem Jahr. Die Ursache ist zwischen den Zeilen zu finden. Zu Beginn meiner Aufzeichnungen ging ich mit einer Perspektive für die Zukunft ran, etwas Anderes blieb mir nicht übrig, denn ich hatte keine Erfolge vorzuweisen. Irgendwann kippte allerdings die Stimmung und es bildete sich eine Erwartungshaltung aus. Ich verglich den aktuellen Erfolg nur noch mit vergangenen Erfolgen und wurde beim Diäten sehr technokratisch. Das ist eine richtige Blickpunktumkehr gewesen. Vom Blick nach vorne der Blick rückwärts. Am Anfang die Fixierung auf das ganz große Ziel: Den Pilotenschein, leichteres Leben. Dann aber die Fixierung auf: Warum geht es nicht mehr so gut, es hat doch vorher auch geklappt. „Ich muss weniger Essen, ich muss dieses und jenes Probieren, ich muss wieder erfolgreich sein…“ Dazu kamen ab einem Punkt die Frustration und schließlich auch das Resignieren.

Metaphorische Problemfallbeschreibung

Ich habe meinem Blog den Untertitel: „Der schwere Weg einer 100 kg Abnahme“ gegeben. Einen Weg muss man gehen und wer geht, der steht ständig auf einem Bein über dessen Fuß er den Schwerpunkt seines Körpers verschiebt. Ich stelle mir vor, wie man auf ein Bein steht und das Gleichgewicht halten muss in einem Moment des Gehens. Schaut man in diesem Moment nach vorne und hält den Blick fixiert, dann gelingt der Stand ohne Probleme. Nun schaue ich zurück und suche für irgendwas eine Ursache: Der Stand wird instabil und ich muss ständig meinen Schwerpunkt neu ausbalancieren. Schließlich ist das extrem Ineffizient und man fällt irgendwann zur Seite. Ich liege gegenwärtig auf der Seite.

Gegenwärtig

Ich befinde mich an einem Punkt, dass ich 149,9 kg wiege und das ist nicht so gut für mich, obwohl ich es geil finde, dass es keine 150 kg sind oder es darüberliegt. Allerdings habe ich mein zweites Ziel überschritten. Ich möchte einen Neustart wagen, mich wieder auf ein Ziel in der Zukunft fixieren und dass was gewesen ist einfach ausklammern, wenn auch nicht vergessen. Denn es gab ja Erfolge und diese Erfolge waren riesig. Ich muss also als nächstes wieder mein Ziel 2 erreichen und circa 800 g abnehmen. Als Belohnung habe ich mir überlegt: Ich brauche für mein Fahrrad dringend neue Schutzbleche und auch einen neuen Vorbau. Im Moment fühle ich mich nicht so wohl. Ich merke beim Atmen, dass ich 10 kg mehr verdrängen muss. Ich bin beim Radfahren nicht mehr so angriffslustig. Das Treppensteigen fällt mir schwerer. Die Hosen sitzen knapper und die Hemden auch. Der nächste Schritt ist das nach vorne Schauen wieder zu erlernen. Ziele prüfen und auch die Relevanzen zu bestimmen. Ich muss wieder einen Wunsch, einen Traum entwickeln, an dem ich mich fixieren kann. In der folgenden Woche werde ich wieder auf mein Gewicht achten und auch auf das Essen, aber nur im zweiten Rang. Vorrang hat in dieser Woche erstmal das Blicken und fixieren nach vorne, denn die Lage muss noch etwas übersichtlicher werden.

Jessie ist nun weg

Die Jessie ist die Nacht auf heute im Krankenhaus gestorben, die erlösende Nachricht kam heute Morgen aus dem Krankenhaus. Zu Begreifen bleibt schwierig, wieso ein junger Mensch von nur dreiunddreißig Jahren einen Schlaganfall bekommt und binnen zehn Tagen stirbt. Das ist ein riesengroßer Schock und auch ein Gefühl der Ohnmacht – als Mensch kann man eben längst nicht alles gestalten und abhandeln, wie es gerade beliebt. Eine Linie kann man aber um sich herumziehen, ein Ziel setzen und innerhalb dieses Einflussbereichs wirken.

Es gibt eine Zeit zum Leben und es gibt eine Zeit zum Sterben. Rückt die Zeit zum Sterben näher gibt es, glaube ich, kein Verhandeln mehr, da kann man nicht mehr nur einen Augenblick länger rausschlagen, man muss dann bereit sein. Aber es gibt auch die Zeit zum Leben und in dieser Zeit ist vieles zum Aushandeln und auch zum Bestimmen möglich.

Oft, sehr oft machen es sich die Menschen untereinander unnötig schwer. Sie wollen einfach nicht wahrhaben, dass ihr eigener Einfluss nur begrenzt ist, sie fordern für ihre Ideen und ihre Interessen einen universellen Charakter, anstatt Ideen und Interessen zu teilen werden sie den anderen in einem Akt des Überstülpens aufgezwungen. Dieses Gehabe hat mich in den letzten Tagen wirklich angekotzt. Ich habe viele Freunde in meinem Umfeld, die waren ganz nett zu mir, boten das Gespräch an und noch wichtiger, einfach ihr offenes Ohr. Auf der anderen Seite gab es aber auch Freunde, die als nur noch der Trost angemessen war die Hoffnung anboten, vermutlich aus dem Selbstschutz heraus.

Als dürfte man sich nicht mit einem nahenden Ende auseinandersetzen, als wäre die Kapitulation vor dem Unausweichlichem eine Charakterschwäche. Als müsse man sich allen Ernstes bei einem irreparablen Zentralhirn Sachen wie die Radtour in der nächsten Saison ausdenken. Interessant auch diese kleinbürgerliche Ursachenforschungen a la: „In Amerika gibt es eine Welle von Schlaganfällen wegen der Anti-Baby-Pille!“ Schade, dass man selbst innerhalb der eigenen Familie auf solche Fährten gesetzt wird. Das schlimme ist ja, diese Leute fühlen sich dann noch beleidigt und an meiner individuellen Trauerarbeit unzureichend beteiligt, wenn man sie zurecht abwürgt und nicht zum Ende kommen lässt. Hätten sie sich rausgehalten, wäre es besser gewesen, denn eigentlich kannten die meisten dieser Experten weder Jessie noch meine Freundschaft zu ihr.

In den kommenden Tagen muss ich das Thema noch abhaken aber dann will ich auch wieder das Ruder in die Hand nehmen und weiter meinen schweren Weg der 100 kg Abnahme heraus aus dem adipösen Leben gehen. In den letzten Tagen wurde ich mir wieder meines Handlungsradius bewusst und habe wieder Tagebuch für die Ernährung geführt. Ich werde mich jetzt nach 3 Monaten auch wieder auf die Waage stellen müssen, noch habe ich das nicht getan aber noch ist mir das Gewicht auch noch nicht so wichtig. Erstmal essen und leben, bzw. wieder vernünftig essen und vernünftig leben. Das Bild ist übrigens eine Aufnahme von meinem Freund Martin. Ich war mal wieder mit ihm Fahrradfahren auf einer Strecke an der Fulda entlang. Als er das Bild aufnahm war Jessie schon erkrankt aber da wusste ich von dem Schicksal noch nichts. Ich war mit ihm eine Strecke gefahren, die ich zuvor mit Jessie und ihrem Freund Jens fuhr. Es war eine schöne Tour, mit viel Sonne, vor einem Jahr mit Jessie und Jens, und letztes Wochenende mit Martin.

Jessie-dog

Letzte Woche hat es mich eiskalt erwischt. Der Tag begann mit einem interessanten Uni-Seminar zur Kommunikation, anschließend war Kino angesagt und wir sahen den Film „Berlin Rebell High“. Ich hatte bis dahin einen guten Tag und war voller positiver Gefühle. Dann erreichte mich eine SMS-Nachricht von dem Partner einer sehr guten Freundin, vielleicht sogar meiner besten Freundin, der Inhalt: Jessie habe einen schweren Schlaganfall gehabt, es stehe nicht gut um ihr, ihr Zustand äußerst kritisch, keine Aussicht auf Genesung. Es war ein Dienstag aber das war egal, der Tag war für mich gelaufen und es war noch lange nicht Abend. Später war ich im Krankenhaus und habe Jessie besucht, sie lag auf der Intensivstation der Neurologie. Das Kopfteil war aufgerichtet, ein Pflaster am Kopf mit Schlauch und im Mundwinkel der Schlauch vom Beatmungsgerät. Ihre Hände waren auf Kissen gestützt, in das Nachthemd führten Schläuche rein, die entweder an Beutel angeschlossen waren, die über dem Bett hingen oder an Beutel, die am Bettrahmen hingen. Sie so zu sehen verschlug mir die Sprache. Jessie ist 33 Jahre alt. Jessie wird sich nicht mehr erholen, sie wird sterben und darum wird sie auch nur noch beatmet und bekommt Morphium, damit sie keinen Schmerzen hat, – und auch keinen Stress.

Jessie und ich lernten uns beim Tanzen kennen, wir waren beide im Single-Kurs angemeldet. Nachdem Fortgeschrittenen-Kurs wollte sie nicht weiter tanzen, die Anfangsbegeisterung war bei ihr verflogen. Wir blieben weiter in Kontakt und trafen uns ganz regelmäßig zum Mittagessen in der Mensa, auch mal zu Tanzpartys, zum Radfahren und sehr gerne zum Theater. Unsere Mittagstische in der Mensa waren genial und endeten fast immer erst im späten Nachmittag. Ein Gesprächsthema gab es immer und das erste Gespräch begann während einer Rumba etwa so: Ich zählte die Schrittfolge und sie sagte: „Du tanzt gut!“ Ich antwortete: „Ja das mit den Schrittzählen habe ich ja eigentlich nicht nötig, ich will damit nur die physische Nähe zu den Tanzpartnerinnen kompensieren und Abstand zur Situation gewinnen!“ Wir kamen ins Gespräch und sie glich die Aussage direkt mit psychologische Krankheitsbilder ab, klärte auf, dass sie Psychologie studiere ihrerseits und ich meinerseits, dass ich eine ziemlich kranke aber interessante Seele habe. Alles von Anfang an immer mit einem Dauerzwinkern im Auge und einem ironischen Singen in der Stimme. Das Eis war sofort gebrochen. Aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich Freundschaft. Ich habe bisher nur sehr wenige Menschen kennengelernt, die zur selben Zeit so ehrlich und doch so sensibel sein konnten. Eine Gemeinsamkeit war die Vorliebe für das Beobachten anderer Tanzpaare während der Partys und Kurse oder später in der Mensa. Allerdings war das nur zweitrangig, wir standen im regen Austausch über tagtägliche Gedanken und Ideen. Sie war als rheinische Frohnatur total inspirierend für mich. Ich erinnere mich immer noch wie sie bei einem Sporttag einmal einfach loslief und an der Wand der Turnhalle irgendwelche Kopfstände machte und wie aus dem nichts dann zur Matte auf der anderen Seite lief und irgendwelche Saltos machte, ein Energiebündel! Als dann ihre Oma starb, die außer ihrer Mutter noch der einzig übriggebliebene Teil Ihrer Familie war, redeten wir viel über Familie und Freundschaft und unsere Gespräche bekamen eine philosophische Komponente. Es ging irgendwie weiter und bald schon machte sie aus der Not eine Tugend und bastelte ein Kostüm aus den Elektroschrott, den sie mit ihrer Mutter aus dem Haus der Oma aussortierte. Themenpartys waren ihr Hobby und sie nannte die Kreation ein technisches Wunder.

Dankbar bin ich für die Freundschaft mit Jessie. Die wichtigste Sache die ich mitnehme ist, dass man sich niemals für seine Gefühle schämen soll, sondern Gefühle immer eine Berechtigung haben. Wir kommunizieren ständig und die emotionale Komponente macht den Löwenteil aus. Hin und wieder erzählte sie von der Arbeit und den Gesprächen, die sie mit Patienten führen musste. Ihr Job als Psychologin verbannte die eigenen Gefühle in diesen Sitzungen. Es war immer lustig, wenn sie von ihrem Schreibtisch Senngarten erzählte und sie je nach Gespräch ein anderes Muster in den Sand rechte. Sie arbeitete in einer Psychiatrie ähnlichen Klinik für u.a. Essstörungen, sie hatte viele Patienten mit einer Essstörung. Aber darum ging es eigentlich nie, wir kamen oft auf Themen wie Glück, Freude, Spaß und was es für uns selbst bedeutet. Wachsamkeit auf sich selbst, in sich zu schauen, bevor man um sich schaut ist wichtig. Ich wünsche mir, dass ich einen Teil Ihrer Ansichten nicht vergesse.

Der Jess-dog, wie ich sie gerne nannte, hätte sicherlich auch in dieser Situation irgendetwas positives gesagt. Es ist rein spekulativ aber als ich mit einem Kloß im Hals vor ihrem Bett stand, sie in ihrem Nachthemd sah, da konnte ich nichts mehr denken. Ich fühlte ihre Hand und ihren Arm, sie war ganz warm und man sah ihr Herz schlagen. Ich gab ihr zum Abschied die Bro-Faust und denke im Nachhinein sie könnte jetzt sowas sagen wie: Ich bin seit einer Woche auf Morphium, was ist dein Sedativum? -Bier? -Wodka? -Schnaps? Gefällt dir eines nicht, dann kannst du auch mehrere haben! Ich glaube so mache ich das heute Abend, ich werde ein Bier trinken, auf Jessie ein Bier beim Tanzen.

#113

Kaum sind zwei Wochen gut im Diättechnischem gelaufen, gibt es auch schon den ersten Rückschlag. In dieser Woche habe ich leicht zugenommen. Ich hatte Geburtstag und keine Kalorien gezählt. An den Folgetagen gelang mir der Wiedereingliederung nur bedingt. Dieses Protokoll zur Ernährung zu führen scheint dann unsinnig und auch das Begrenzen der Essenszufuhr zumindest für diesen Moment unnütz, ist das Kind erstmal in den Brunnen gefallen…

Diese Zwickmühle ist natürlich extrem ungesund und die Denkweise völlig krank. Von der Theorie her weiß ich das aber in diesen Momenten bin ich einfach zu schwach um daran zu denken. Der Mensch ist nicht schlecht, manchmal ist der Mensch aber schwach. Das sind meine Momente der Schwäche.