Unterschätzung

Irgendwo im Mandelkern unseres Gehirns beginnen die Gedanken mit der Unterschätzung. Der Mandelkern hatte einst sehr wichtige Aufgaben, zum Beispiel Gefahren abzuwehren. In einer hoch zivilisierten Welt gibt es zwar Börsenhaie, aber keinerlei gefährlichen Raubkatzen die unser Überleben bedrohen. Vergleichbar ist es mit dem Abwehrsystem, das Kind frühzeitig und oft in einen Kessel mit Desinfektionsmittel gebadet und es entwickelt allerlei Allergien. Als würde sich das Abwehrsystem eine neue Aufgabe suchen. Der Mandelkern als ein Angstzentrum im Gehirn klammert die Wildkatzen aus und konzentriert sich auf Clowns, Spinnen, Hasen, Peinlichkeiten, Blamagen etc.

Unterschätzung passiert teilweise noch bevor wir eine Aufgabe angehen. „Kann ich diese Aufgabe lösen?“, ist so eine Signalphrase zu der sich der Mandelkern aktiviert und sofort antwortet: Andere können es besser, vielleicht blamiert man sich oder scheitert. Speziell beim Abnehmen: „Wie blöd werden die anderen Schwimmbadbesucher meine Hautlappen angucken!“ Schließlich kommt man zum Ergebnis es sei alles gut so wie es ist. Am besten auf den Boden legen, flach atmen und gar nichts tun. Schon befindet man sich in der spirale der Selbstunterschätzung und bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten.

Die eigenen Leistungen sind auch nicht vor Unterschätzung sicher. Ich habe 19,5 kg abgenommen und die Mitmenschen sprechen mich regelmäßig darauf an und fragen wie ich das mache. Ich erkläre dann immer das Weightwatchers System und die Menschen reagieren achtungsvoll und ich Idiot rede das immer wieder klein: „Eigentlich habe ich nicht so viel geändert, ich trinke täglich 2 Liter Cola, esse Kuchen und schränke mich sonst auch nur wenig ein!“ Allerdings kam mir vor einigen Tagen die Erkenntnis, dass dies eine gravierende Unterschätzung meiner Leistung ist. Schließlich entscheide ich täglich was ich esse und worauf ich verzichten kann um die Cola zu trinken. Ich hole manchmal Sachen aus dem Kühlschrank und lege sie dann wieder rein, all das verdränge ich. Damit verzerre ich das Bild von dem was ich leiste.

Es gibt auch alltägliche Unterschätzungen. Gerade als übergewichtiger unterschätzt man schnell was man am Tag alles isst und wundert sich manchmal am Tagesende während einer Diät wie klein die Portion ausfallen muss, um unter den Kalorien zu bleiben. Sich selbst einen Tag lang mit fremden Augen sehen, das wäre mein Wunsch.

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