Jessie-dog

Letzte Woche hat es mich eiskalt erwischt. Der Tag begann mit einem interessanten Uni-Seminar zur Kommunikation, anschließend war Kino angesagt und wir sahen den Film „Berlin Rebell High“. Ich hatte bis dahin einen guten Tag und war voller positiver Gefühle. Dann erreichte mich eine SMS-Nachricht von dem Partner einer sehr guten Freundin, vielleicht sogar meiner besten Freundin, der Inhalt: Jessie habe einen schweren Schlaganfall gehabt, es stehe nicht gut um ihr, ihr Zustand äußerst kritisch, keine Aussicht auf Genesung. Es war ein Dienstag aber das war egal, der Tag war für mich gelaufen und es war noch lange nicht Abend. Später war ich im Krankenhaus und habe Jessie besucht, sie lag auf der Intensivstation der Neurologie. Das Kopfteil war aufgerichtet, ein Pflaster am Kopf mit Schlauch und im Mundwinkel der Schlauch vom Beatmungsgerät. Ihre Hände waren auf Kissen gestützt, in das Nachthemd führten Schläuche rein, die entweder an Beutel angeschlossen waren, die über dem Bett hingen oder an Beutel, die am Bettrahmen hingen. Sie so zu sehen verschlug mir die Sprache. Jessie ist 33 Jahre alt. Jessie wird sich nicht mehr erholen, sie wird sterben und darum wird sie auch nur noch beatmet und bekommt Morphium, damit sie keinen Schmerzen hat, – und auch keinen Stress.

Jessie und ich lernten uns beim Tanzen kennen, wir waren beide im Single-Kurs angemeldet. Nachdem Fortgeschrittenen-Kurs wollte sie nicht weiter tanzen, die Anfangsbegeisterung war bei ihr verflogen. Wir blieben weiter in Kontakt und trafen uns ganz regelmäßig zum Mittagessen in der Mensa, auch mal zu Tanzpartys, zum Radfahren und sehr gerne zum Theater. Unsere Mittagstische in der Mensa waren genial und endeten fast immer erst im späten Nachmittag. Ein Gesprächsthema gab es immer und das erste Gespräch begann während einer Rumba etwa so: Ich zählte die Schrittfolge und sie sagte: „Du tanzt gut!“ Ich antwortete: „Ja das mit den Schrittzählen habe ich ja eigentlich nicht nötig, ich will damit nur die physische Nähe zu den Tanzpartnerinnen kompensieren und Abstand zur Situation gewinnen!“ Wir kamen ins Gespräch und sie glich die Aussage direkt mit psychologische Krankheitsbilder ab, klärte auf, dass sie Psychologie studiere ihrerseits und ich meinerseits, dass ich eine ziemlich kranke aber interessante Seele habe. Alles von Anfang an immer mit einem Dauerzwinkern im Auge und einem ironischen Singen in der Stimme. Das Eis war sofort gebrochen. Aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich Freundschaft. Ich habe bisher nur sehr wenige Menschen kennengelernt, die zur selben Zeit so ehrlich und doch so sensibel sein konnten. Eine Gemeinsamkeit war die Vorliebe für das Beobachten anderer Tanzpaare während der Partys und Kurse oder später in der Mensa. Allerdings war das nur zweitrangig, wir standen im regen Austausch über tagtägliche Gedanken und Ideen. Sie war als rheinische Frohnatur total inspirierend für mich. Ich erinnere mich immer noch wie sie bei einem Sporttag einmal einfach loslief und an der Wand der Turnhalle irgendwelche Kopfstände machte und wie aus dem nichts dann zur Matte auf der anderen Seite lief und irgendwelche Saltos machte, ein Energiebündel! Als dann ihre Oma starb, die außer ihrer Mutter noch der einzig übriggebliebene Teil Ihrer Familie war, redeten wir viel über Familie und Freundschaft und unsere Gespräche bekamen eine philosophische Komponente. Es ging irgendwie weiter und bald schon machte sie aus der Not eine Tugend und bastelte ein Kostüm aus den Elektroschrott, den sie mit ihrer Mutter aus dem Haus der Oma aussortierte. Themenpartys waren ihr Hobby und sie nannte die Kreation ein technisches Wunder.

Dankbar bin ich für die Freundschaft mit Jessie. Die wichtigste Sache die ich mitnehme ist, dass man sich niemals für seine Gefühle schämen soll, sondern Gefühle immer eine Berechtigung haben. Wir kommunizieren ständig und die emotionale Komponente macht den Löwenteil aus. Hin und wieder erzählte sie von der Arbeit und den Gesprächen, die sie mit Patienten führen musste. Ihr Job als Psychologin verbannte die eigenen Gefühle in diesen Sitzungen. Es war immer lustig, wenn sie von ihrem Schreibtisch Senngarten erzählte und sie je nach Gespräch ein anderes Muster in den Sand rechte. Sie arbeitete in einer Psychiatrie ähnlichen Klinik für u.a. Essstörungen, sie hatte viele Patienten mit einer Essstörung. Aber darum ging es eigentlich nie, wir kamen oft auf Themen wie Glück, Freude, Spaß und was es für uns selbst bedeutet. Wachsamkeit auf sich selbst, in sich zu schauen, bevor man um sich schaut ist wichtig. Ich wünsche mir, dass ich einen Teil Ihrer Ansichten nicht vergesse.

Der Jess-dog, wie ich sie gerne nannte, hätte sicherlich auch in dieser Situation irgendetwas positives gesagt. Es ist rein spekulativ aber als ich mit einem Kloß im Hals vor ihrem Bett stand, sie in ihrem Nachthemd sah, da konnte ich nichts mehr denken. Ich fühlte ihre Hand und ihren Arm, sie war ganz warm und man sah ihr Herz schlagen. Ich gab ihr zum Abschied die Bro-Faust und denke im Nachhinein sie könnte jetzt sowas sagen wie: Ich bin seit einer Woche auf Morphium, was ist dein Sedativum? -Bier? -Wodka? -Schnaps? Gefällt dir eines nicht, dann kannst du auch mehrere haben! Ich glaube so mache ich das heute Abend, ich werde ein Bier trinken, auf Jessie ein Bier beim Tanzen.

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